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Der Ritt über den Bodensee, und die Schönheit drumherum

Im Kirchenbuch von Stein am Rhein wurde für den 5. Januar 1573 ein beachtliches Ereignis dokumentiert. An diesem Tag hatte der Postvogt Andreas Egglisperger, von Dingelsdorf kommend und Richtung Überlingen reitend, den zugefrorenen Bodensee überquert und war dabei eine Strecke von ungefähr zweieinhalb Kilometern über die dicke Eisschicht geritten.

Der Überlinger Chronist Georg Han hält zu diesem Ereignis fest, dass er den wackeren Reiter traf und vor dem Eisritt warnte, sich dieser aber optimistisch gezeigt habe und sich nach bestandenem Wagnis im Gasthaus Krone – damals einfach „die cron“ – eine Speise gönnte. Und ein Wagnis war es auf jeden Fall gewesen. Zahlreiche Tote hat der See über die Jahre gefordert, die meisten davon aus Leichtsinn, wenn Menschen die Strömung und die Weite des Sees unterschätzten.

Oder eben das Eis. Mehrere Zentimeter dick musste es sein, um einen Menschen und sein Pferd zu tragen. Ein Umstand, welcher nicht immer klar absehbar ist und bei Fehleinschätzung zu einem grausigen Ende führen kann.

Für den Reiter Andreas Egglisperger ging die Sache gut aus, er kam an, verewigte sich mit dieser Tat in der Bodenseegeschichte und diente darüber hinaus als Inspiration für Literatur und Kunst. So inspirierte der Bodenseeritt den Lyriker Gustav Schwab zu seiner Ballade „Der Reiter und der Bodensee“, welche er 1826 verfasste. Sein lyrischer Protagonist kann allerdings nicht auf ein so gutes Ende zurückblicken. Hier stirbt der Reiter. Allerdings erst nach seinem Ritt, denn als er erfährt, dass er unwissentlich über den Bodensee geritten war, setzt ihm sein Herz vor Schrecken aus, ergraust wegen der Gefahr, welcher er sich ausgesetzt hatte.

Auch bildhauerisch ist die Geschichte um den Bodenseereiter verewigt worden, wenn auch mit einem besonderen Spin. Der am Bodensee ansässige Künstler Peter Lenk fertigte für die Stadt Überlingen eine Brunnenstatue des Reiters an. Lenks Reiter allerdings war der Gestalt des ebenfalls ortsansässigen Literaten Martin Walsers nachempfunden, welcher samt Schlittschuhen auf einem träge dreinblickenden Gaul sitzt. In einem Flugblatt erklärt der Künstler sein Werk mit den Worten: „Dichter – unsterblichkeitsberechtigt – Eiskunstläufer zu Pferde auf den zugefrorenen Seen Deutscher Geschichte. Er steigt erst ab, wenn das Eis gefährlich dünn wird, dann dreht er seine Pirouetten.“

Die Erklärung darf als Anspielung auf Walsers kontrovers aufgenommene Paulskirchenrede verstanden werden, etwas, das der Künstler als ganz eigenes Wagnis, ähnlich dem Bodenseeritt, zu verstehen scheint. Walser selbst schien diese zweifelhafte Hommage jedenfalls nicht zu gefallen. Er wechselte sogar seinen Frisör, um nicht an dem Brunnen vorbeigehen zu müssen.

Ob nun in Form künstlerischer Übertreibung oder als tatsächliche Mutprobe, damit es überhaupt zu so einer Tat kommen kann, ist ein besonderes Naturphänomen nötig, die sogenannte Seegfrörne. So lautet die Bezeichnung aus dem Bodenseealemannischen für ein ausreichendes Zufrieren des Bodensees, nach welchem die entstandene Eisdecke Menschen trägt (die Schweizer Seebewohner haben dafür die Bezeichnung Seegfrörni). 37-mal soll so, seit der ersten historischen Erwähnung 875, der Bodensee zumindest teilweise über weite Flächen zugefroren sein, wobei hinzuzufügen ist, dass nicht alle dieser Seegfrörne dokumentarisch belegt worden sind.

Die letzte belegte Seegfrörne am Bodensee ereignete sich im Winter 1962/63, wobei es sich sogar um ein komplettes Zufrieren des Bodensees handelte. Lange wurde der Fährbetrieb noch aufrechterhalten, bis auch letztlich die Schiffskanäle zufroren und der Betrieb der Naturgewalt nachgeben musste. Mutige Hagnauer waren dabei die ersten, die sich auf das Eis wagten, und ein Findling wurde im Uferpark von Hagnau, den Eisläufern zu Ehren, aufgestellt. Bis zu 20 cm dick wurde das Eis, was dazu führte, dass einige waghalsige Menschen nicht nur anfingen auf dem See zu laufen, sondern auch Schlittschuh zu fahren. Einige wenige, besonders risikoliebende Menschen versuchten sich zudem noch an einem modernen „Ritt“ über den See mit dem Auto – manche mit Erfolg, manche mit schrecklichem Misserfolg.

Heutzutage hat sich in das Vokabular der Bodenseebewohner das geflügelte Wort über den „Ritt über den Bodensee“ eingefunden, um eine riskante, verwegene Tat zu beschreiben. Und vielerorts, wie in Überlingen oder Hagnau, wird noch an dieses Naturspektakel und an den Ritt über den Bodensee erinnert.

Wie es zukünftig um ein solches Ereignis steht, ist nicht abzusehen. Weniger noch hinsichtlich der Klimaerwärmung und der generellen Besonderheit der Seefgrörne. Die Faszination und Schönheit des Sees allerdings, die bleibt bestehen, ob gefroren oder nicht. Sie lockt jährlich viele tausende Besucher an. Mag also der Ritt über den Bodensee riskant und ungewiss sein, so ist zumindest der „Ritt“ um den Bodensee (ob zu Pferde, mit dem Rad, dem Auto oder zu Fuß) immer eine lohnende Angelegenheit.

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